"Meine Güte, hier laufen se ja rum!"

So denn, das war also Bochum Total 2006. Tag 2 und 3 sind überstanden (also eigentlich Tag 3 und 4, aber am Donnerstag war ich ja überhaupt nicht da).

Meine Erinnerung an Samstag verblasst so allmählich und ganz wach bin ich auch noch nicht, aber ich kann es ja mal versuchen.
Erneute Fahr nach Bochum mit dem Zug um 16 Uhr dingens. Diesmal war es allerdings deutlich ruhiger. Ankunft etwas verspätet um Viertel vor Fünf, Robbe, Moritz und Moritz' (hier Apostroph?) Mutter warten schon am Bahnhof.
Da angenommen wird, ich wisse, wo die Bühnen sich befinden, soll ich die drei hinführen. Trotzdem kommen wir an. Auf der Schattenreich-Bühne Schattenmorellen-Bühne spielen als erstes Eisheilig. Sie sind sicherlich gut, aber auf die Dauer ein bisschen zu eintönig.
Zombie Joe fällt aus. Interessiert sowieso keinen. Stattdessen spielen Jesus On Extasy. Nach allem, was ich gehört habe, müssen die ziemlich schlecht gewesen sein. Statt uns das anzutun, setzen wir uns in eine Bar (oder sowas), trinken diverse Cocktails und essen Nachos. Der Mann von Moritz' Mutter (stimmt das so?) setzt sich zwischenzeitlich dazu und bezahlt am Ende sämtliche Bestellungen. (Wo sind die beiden eigentlich abgeblieben? Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Dabei hab ich einen Cocktail ohne Alkohol getrunken.)
Anschließend zurück zur Schattenmorellen-Bühne. XPQ-21 waren im Programm als Elektropunk-Alternative bezeichnet worden. Klingt erstmal nicht so recht nach Elektro. Überhaupt klingt das ganze so und sieht auch so aus, dass man sich ständig fragt: Welche Drogen haben die genommen? Der Sänger hat Rasierschaum im Gesicht (sieht zumindest danach aus). Erinnerte mich in diesem Punkt etwas an Ensoph. Da hatte der Sänger Schuhcreme im Gesicht. Alles in allem so la la.
Dafür sind Melotron toll. Robbe und ich sind recht weit vorne. Komische Menschen: Unglücklicherweise tanzt zeitweise unmittelbar vor Robbe ein dicker Mann in kurzer Hose und Netzhemd, der sich in der Bewegung einige Male so herumdreht, dass er Robbe ansehen kann. Der ist eklig. Irgendwann stellen sich ein paar Leute zwischen uns und ihn. Die Masse an teilweise recht seltsamen Menschen gefällt Robbe überhaupt nicht, ich bemerke die Leute kaum.
Moritz bleibt am Ende noch in Bochum, weil jemand von seinen Freunden Geburtstag feiert, Robbe und ich wollen nach Hause. Robbes Bruder und Schwägerin, die wir irgendwann zwischen den Konzerten getroffen haben, würden uns nach Hagen mitnehmen. Also laufen wir ihnen nach dem Melotron-Konzert einfach mal hinterher. Nur haben die eigentlich vor, Essen zu gehen und um 12 Uhr (das wären dann noch zwei Stunden gewesen) zu fahren. Sprint zum Bahnhof. Zum Glück hat die Bahn ordentlich Verspätung - von wegen 3 Minuten sind zu viel. Erstaunlicherweise hatte am Bochumer Hauptbahnhof bislang jede Bahn, die ich gesehen habe, mindestens 5 Minuten Verspätung. Der Zug nach Hagen ist extrem voll. Unter anderem sind da einige besoffene Mittdreißiger, die Leute anrempeln und Stuss reden. Nach zwanzig Minuten endlich in Hagen. Busfahrt (der Bus verspätet sich ebenso wie die Bahn). Bett.

Sonntag. Der letzte Tag Bochum Total. Ich bin wieder allein unterwegs, weil Robbe und Moritz irgendwas zu tun haben. Zwei Gruppen spielen früher als an den Vortagen, daher fahre ich schon eine Stunde eher. Der Zug ist entsprechend leer.
In der Bochumer Innenstadt kommen mir zwei ältere Leute entgegen und kommentieren mich mit: "Hier laufen se rum. Meine Güte, hier laufen se ja rum!" So schlimm seh ich gar nicht mal aus. Auf dem Weg zur WAZ-Bühne unternehme ich einen letzten, lustlosen Versuch, den 0,5l-Becher vom Freitag loszuwerden. (Hat natürlich nicht hingehauen, das Ding steht jetzt hier rum.)
Die erste Gruppe, die ich mir an diesem Tag ansehe, nennt sich Danja Atari. Was ich mir auf der Homepage angehört hatte, hatte mich stark an Portishead erinnert. Beim Auftritt kommt es dann deutlich rockiger rüber. Nach einem schnelleren Song und der Ankündigung "Als nächstes spielen wir etwas ruhigeres." ruft jemand im Publikum empört: "Was? Noch ruhiger?" Es ist Trip Hop, was erwartet er? Man merkt, dass die Gruppe wenig Bühnenerfahrung hat, aber die haben wahnsinnig viel Spaß an der Sache. Und sie können spielen. Gefällt mir insgesamt wirklich gut.
Um 17 Uhr beginnt das Programm auf der Schattenmorellen-Bühne. Die ersten paar Songs von Liv Kristine hör ich mir an, bevor ich mich dann doch entschließe, lieber irgendwo was zu essen (Cajuns im Extrablatt). Im heidnischen Dorf auf dem WGT hat Liv Kristine von der Atmosphäre her einfach gepasst. Ich glaube, die dachten sich, dass das bei Bochum Total in der Form nicht funktionieren würde. Im Endeffekt klang es dann so, als ob Leaves' Eyes die Songs von Liv Kristine spielen würden (sind natürlich alles die gleichen Leute, aber das macht doch einen großen Unterschied). Ich kann nicht sagen, dass ich sonderlich begeistert gewesen wäre.
Nach dem Essen direkt wieder zurück zur Bühne. Secret Discovery machen solide, im Mittel gute Musik, aber nichts spektakuläres, durchaus mit ein paar recht faden Momenten. Ich hatte mehr erwartet, aber es ist in Ordnung.
IAMX ist dann wieder einer dieser Acts, bei denen man sich fragt, was die denn für Drogen genommen haben. Die Drummerin drischt - ziemlich unqualifiziert wirkend - auf das Schlagzeug ein. Das haut trotzdem hin - der Beat wirkt auch nicht allzu kompliziert. Die Keyboarderin bewegt sich wie ein Roboter und tanzt zwischendurch auf seltsame Weise über die Bühne, wobei ihr Kleid mindestens ein halbes dutzend mal so weit herunterrutscht, dass ihre rechte Brust entblößt wird (und ich Depp mach kein Foto). Der Sänger zieht sich während des zweiten Songs ein Bikini-Oberteil über das Leopardenmusterhemd und wuschelt die ganze Zeit in seinen verschwitzten Haaren herum. Der Gitarrist sieht einfach nur fertig aus. Soll ich das ernst nehmen? Musikalisch nicht so besonders. Während des Auftritts stellen zwei komische Menschen sich neben mir hin und teilen mir mit: "Endlich Schatten." Da lag eine gewisse Doppeldeutigkeit drin, da sie nun im Schatten standen und vor der Schattenreich-Bühne Schattenmorellen-Bühne. Offensichtlich hatten sie tatsächlich das Gefühl, einen unglaublich tollen Witz gemacht zu haben.
Den Abschluss stellt für mich dann der Auftritt von De/vision dar. Ich habe das Gefühl, dass das wirklich richtig gute Musik war. Es hat mich nicht in dem Sinne umgehauen, aber es hat gefallen.
Auf der Rückfahrt gibt es in meinem Zugabteil kein Licht. Am Bahnhof fällt noch genügend Licht von draußen herein. Ein Typ gegenüber von mir, der schon vorher im Zug saß, sieht ziemlich schockiert aus. Die Leute im Abteil sehen zu diesem Zeitpunkt nicht allzu schockierend aus, wie ich finde. Irgendwo hinter mir gröhlt eine Horde Prollelektros unverständliches Zeug. Als ich mich anlehnen will, bemerke ich ein paar Hände, die von hinten über meine Kopflehne hinweg greifen und mir in den Haaren rumwuseln. Schock. Aber ich glaub, das war keine Absicht von dem Menschen hinter mir.
Am Bahnhof in Hagen stellt sich mir dann die Frage: Warum sind die Busverbindungen Sonntag Nacht eigentlich besser als Freitag und Samstag Nacht?
Alles in allem hat das Festival aber viel Spaß gemacht - trotz der vielen komischen Menschen.
17.7.06 13:38


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